Sonderausstellung „ÜberLebensKünstler – Vier Künstler, zwei Generationen, ein Schicksal: Krieg und Heimatverlust 1945“

Im Mai 2025 jährt sich zum 80. Mal das Ende des Zweiten Weltkrieges: Ein Krieg, der mehr als 60 Millionen Menschen den Tod brachte und darüber hinaus ein Vielfaches an Menschen traumatisiert und ihrer Lebensträume beraubt hat. Dies galt in besonderer Weise für die mehr als 12 Millionen Deutschen jenseits der Oder-Neiße-Linie, die infolge der Beschlüsse der Alliierten auf der Konferenz von Potsdam gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen. Sie verloren nicht nur ihre Häuser und Höfe, sondern ihre gesamte Existenz, ihr soziales Umfeld und ihre Zukunftsperspektiven. Mit kaum mehr als ihrem Leben und einem Koffer kamen sie in eine ihnen fremde Umgebung, wo man ihnen zuweilen mit Skepsis und Ablehnung gegenüberstand. Nachdem es zunächst um das pure Überleben gegangen war, galt es nun, sich ein neues Leben aufzubauen, was nicht selten wenig mit dem zu tun hatte, was sie vor dem Krieg gehabt hatten.
Einer, dessen Lebensweg nach dem Zweiten Weltkrieg eine ganz andere Richtung genommen hat, war der Schriftsteller Hans Lipinsky-Gottersdorf (1920 – 1991). Für den in Oberschlesien Geborenen war es ganz selbstverständlich, dass er einmal das Familiengut in Gottersdorf übernehmen würde. Doch nach seiner landwirtschaftlichen Lehre ging er nicht in den elterlichen Betrieb, sondern meldete sich im September 1939 freiwillig zum Kriegsdienst. Als Lipinsky-Gottersdorf 1947 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, waren sein Heimatort und der Familienbetrieb unter polnischer Verwaltung. Er fand Arbeit auf dem Bau, nahm unterschiedliche Jobs an, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, und begann schließlich zu schreiben. Stark geprägt von seinen oberschlesischen Wurzeln, waren die Region und ihre Menschen in vielen seiner Erzählungen präsent. Dem fünf Jahre jüngeren Erhard Hain (1925 – 2010) blieb für das Schmieden von Zukunftsplänen keine Zeit, er konnte nicht einmal sein Abitur ablegen: Von der Schulbank weg wurde er eingezogen. Aus der Kriegsgefangenschaft in die britische Besatzungszone entlassen, musste der 20-Jährige, allein und mittelos, zunächst Geld verdienen und sein Abitur nachholen. Anschließend studierte er an der Pädagogischen Akademie in Lüdenscheid und wurde Lehrer. Viele Jahre widmete er sich der Malerei – einer Leidenschaft, die schon im heimischen Goldberg entfacht wurde – nur nebenher. Erst nach dem Ausscheiden aus dem Schuldienst konnte er sich ganz der Kunst hingeben. Zu seinen Wurzeln in Schlesien kehrte er erst rund 50 Jahre später zurück – eine Reise, die ihn persönlich bewegt und künstlerisch inspiriert hat.
Der Glatzer Komponist und Musiker Paul Preis (1900 – 1979) hatte seine beruflichen Pläne schon in den 1920er Jahren verwirklichen können: Nach dem Kriegsabitur 1918 studierte er in Berlin und Dresden Musik und konnte bereits in den frühen 1920er Jahren erste Erfolge feiern. Es folgten berufliche Stationen in Bad Reinerz, als Dirigent und künstlerischer Leiter, und in Habelschwerdt, wo er die Volksmusikschule gründete und später leitete. Noch vor der offiziellen Vertreibung verließ Preis 1945 die Grafschaft Glatz und verdingte sich in den folgenden sechs Jahren als Kantor in der evangelischen Kirche in Ostritz, bevor er nach seiner Flucht aus der DDR in Lüdenscheid ein zweites Mal neu anfangen musste. Als Gründer und Leiter mehrerer ostdeutscher Chöre und Publizist widmete er sich fortan vor allem dem kulturellen Erbe seiner Glatzer Heimat. Das Engagement für seine Landsleute verband ihn mit dem in Jauer geborenen Humoristen Ludwig Manfred Lommel (1891 – 1962), der in der Vorkriegszeit durch seine Bühnenprogramme wie auch durch seine Hörfunkauftritte und sein Mitwirken in Filmen weit über Schlesien hinaus bekannt geworden war. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges musste er, wie schon in den frühen 1920er Jahren, wieder auf kleiner Bühne beginnen: Er zog von Veranstaltung zu Veranstaltung und präsentierte sein bewährtes, humorvolles Programm. Schnell konnte er an seine früheren Erfolge anknüpfen – sowohl auf der Bühne als auch im Rundfunk. Seine Heimatverbundenheit zeigte er nicht nur durch seine zahlreichen Auftritte vor seinen Landsleuten, sondern auch dadurch, dass er mit der „Lommel-Hilfe“ notleidende Vertriebene und Kriegsversehrte unterstützte.
Vier ganz unterschiedliche schlesische Künstler aus zwei Generationen, von denen jeder auf seine Weise den Bruch 1945 bewältigt hat: Nach dem Krieg war ihnen allen nicht viel mehr als das eigene Talent geblieben, das sie auf ihre Art zu nutzen wussten, um zu überleben und den Neuanfang zu schaffen. Die neue Sonderausstellung von HAUS SCHLESIEN „ÜberLebensKünstler. Vier Künstler, zwei Generationen, ein Schicksal: Krieg und Heimatverlust 1945“, die am 27. April 2025 eröffnet wird, widmet sich diesen vier sehr unterschiedlichen, schlesischen Künstlern. Alle vier eint nicht nur die Kriegserfahrung und Entwurzelung, sondern auch die starke Verbundenheit zu ihrer schlesischen Heimat, die sich in ihren Werken und ihrem Wirken widerspiegelt. Der Fokus der Ausstellung liegt auf ihrem künstlerischen Schaffen nach 1945 und betrachtet ihre Lebenswege im zeitgeschichtlichen Kontext.
Silke Findeisen